Vom Leben mit der Zeit

Im Rahmen einer Führungskräfteentwicklung habe ich mich mit dem Thema Zeit auseinander gesetzt. Wo fängt man da an? Ein beliebtes Thema im Kontext mit Zeit ist die Aufgabenoptimierung  und Zeitmanagement, doch das Thema „Zeitmanagement“ und ich sind nicht richtig in Kontakt gekommen. 

„Zeit scheint uns so selbstverständlich. Doch je mehr man sich mit ihr beschäftigt, desto mehr wird sichtbar, wie stark sie unser Leben auf unterschiedliche Weise bestimmt, auch wo wir uns dessen nicht bewusst sind.“ (Dilk, Littger, 2018)

Dieses Zitat fasst das zusammen, wie ich mich gefühlt habe, als ich mich länger mit dem Thema auseinandergesetzt habe und mir sind mehr und mehr folgende Sätze aufgefallen: „mein Tag könnte 30 Stunden haben“ oder „die Zeit verfliegt schon wieder wie im Flug“ oder „man lebt nur einmal“.

Mich hat fasziniert, dass es uns tagtäglich bewusst ist, dass Zeit vergeht und wir aber selten den Moment nehmen und uns mit der Frage auseinandersetzen „Was bedeutet Zeit für mich?“ – das war dann auch der Aufhänger für meine Führungskräfteveranstaltung: Sich Zeit zu nehmen, sich mit dem Thema Zeit auseinanderzusetzen!

Im Rahmen dessen stellte ich die Frage: Was ist Zeit für dich? Und die Antworten waren in ihrer Vielzahl so unterschiedlich wie Menschen im Raum:

  • „Ich empfinde Zeit als eine Beschränkung und als etwas Negatives“ 
  • „Zeit ist für mich die Möglichkeit etwas zu schaffen“
  • „Es gibt für mich zwei Arten von Zeit: eine zielorientierte Zeit und eine Zeit zum Seele baumeln lassen, in dieser Zeit muss ich nicht auf die Zeit achten“ 
  • „Zeit bedeutet für mich, Zeit zu haben ohne Einschränkungen das zu tun, was ich möchte. Zeit hat für mich daher mit Selbstbestimmung zu tun“ 
  • „Zeit ist einfach die Abfolge von Ereignissen“

 

Prof. Dr. Hartmut Rosa hat in einem Vortrag in der Uni Freiburg sehr sympathisch gesagt:

„Was ist eigentlich Zeit? Darauf habe ich keine Antwort. Aber wie sich unsere Zeitstruktur, Zeitwahrnehmung und Zeitmuster ändern, das sind die viel bedeutenderen Fragen“.

Diesen Frage gehe ich nach und stoße auf viele spannende Aspekte, die ich in diesem und weiteren Blogs beleuchte und die auch jetzt schon meine Beratungstätigkeit beeinflusst. 

 

 

Für alle die, die noch mehr Zeit haben sich mit dem Thema Zeit auseinander zu setzen, empfehle ich hier weiter zu lesen :)


Von einer Gesellschaft unter Zeitdruck

Hartmut Rosa beschreibt in einem Radiobeitrag für das Radio F.R.E.I. prägnant, dass wir in einer Zeit leben, in der Zeitnot und Zeitdruck zum allgegenwärtigen gesellschaftlichen Phänomen geworden ist. 

Wir leben in einem Missverhältnis von dem was wir uns vornehmen und der Zeit die uns zur Verfügung steht.

über die Zeit nachdenken - Claudia Höhberger in Koblenz
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Somit haben wir permanent das Gefühl, dass wir zu wenig Zeit haben und wir gehen immer als „schuldige Subjekte“ zu Bett. Wenn wir unsmehr Zeit für die Arbeit nehmen, dann bleiben die Familie, Freunde oder die Fitness auf der Strecke.

 

 

Wenn wir uns Zeit für die Lieben nehmen, dann bleiben die Arbeit oder das Lesen eines guten Buchs auf der Strecke. Irgendwas haben wir immer nicht gemacht und wir bekommen den Eindruck, dass alles was wir nicht geschafft haben unsere Schuld ist, denn wären wir besser organisiert und hätten unsere Zeit mehr im Griff könnten wir das alles schaffen. Doch ist das wirklich so?


Schon  Michael Ende hat in Momo von den grauen Männern und der Zeitbank erzählt.

Diese beraten die Menschen, wie sie am besten Zeit sparen können, um ihr Leben optimal zu nutzen. Die angesparte Zeit wird auf der Zeitsparkasse gehortet. Doch die Menschen, die dort viel Zeit gespart haben hatten am Ende den Blick für den Moment und die Menschlichkeit verloren. Vor allem aber hatten sie eins nicht mehr: Zeit! 

In unserer modernen Welt werden permanent neue Techniken entwickelt, welche sich zeitsparen als oberstes Ziel gesetzt haben. Neue Logistikwege, E-Mail anstatt Briefe oder Sprachaufnahmen in der Chatfunktion – all diese Technik dient dazu, dass wir schneller etwas bekommen oder dass wir schneller irgendwo hinkommen. Und was ist das Gefühl am Ende des Tages? Keine Zeit!

Hartmut Rosa betont jedoch auch, dass nicht die Technik die Ursache für den Zeitdruck ist, sondern der Zeithunger einer modernen Gesellschaft der Grund für die voranschreitende Technik. 

Ein weiteres Phänomen von modernen Gesellschaften ist es, dass sie Steigerung und Produktion als Grundhaltung  verinnerlicht hat.

Wir wollen immer mehr erreichen, wollen nächstes Jahr noch etwas erfolgreicher sein als dieses, wir wollen das neuste Smartphone oder den neuen PC.

Rosa beschreibt, dass dies mit ca. des 18 Jahrhunderts anfängt und es seither notwendiger Bestandteil unserer Welt ist, dass wir etwas Neues produzieren und permanent innovativ sind. Wir sind dauernd darauf aus, mehr Möglichkeiten zu haben, mehr Beziehungen, mehr Güter, mehr Optionen. Der Kapitalismus in dem wir leben ist somit nicht Grund für dieses Phänomen, sondern er ist eine logische Folge aus unserem Verlangen nach Mehr und einer Angst, dass wir abgehängt werden könnten. 

Das Einzige von dem wir nicht mehr bekommen können, das einzige was nicht gesteigert werden kann, ist die Zeit.

Kapital anzuhäufen ist zu unserem Kredo geworden. Wobei Kapital nicht nur unter einem ökonomischen Sinn zu verstehen ist. Weitere Formen von Kapital sind:

  1. kulturelles Kapital also Bildung, wie Sprachen lernen, ein Buch lesen oder eine Fremdsprache lernen
  2. soziales Kapital, wie Freundschaften knüpfen und pflegen, sich um die Familie und die/ den Partner*in kümmern 
  3. körperlichem Kapital, also Sport treiben, an frische Luft gehen, ausschlafen und ausspannen  etc. 

Dadurch, dass wir immerfort versuchen all diese Formen des Kapitals im Laufe des Tages anzuhäufen besteht die Gefahr, dass wir unser Leben zum Gesamtprojekt machen: Hier muss ich mich noch mit jemanden treffen, in dieser Zeit könnte ich noch schnell ein geschäftliches Telefonat führen und ich muss auch mal wieder was für meinen Körper tun. Sobald man „nichts tut“ oder die Seele baumeln lässt, verschenkt man somit wertvolles Kapital.

Dieser Druck und diese (Selbst-) Optimierung entfremdet uns und die radikalste Form dieser Entfremdung ist das Burn-Out. Ein interessanter Aspekt Rosas ist, dass er in der Entschleunigung, im Langsammachen nicht die Lösung des Problems sieht, denn niemand will eine langsame Internetverbindung oder einem langsamen ICE.  

Die Frage ist viel mehr, von was träumen wir Menschen, wenn wir von Langsamkeit träumen?

Wir träumen davon, uns lebendig zu fühlen, dass wir uns mit etwas oder mit jemand verbunden fühlen. Roas bezeichnet diese Momente, als Momente der Resonanz. Und diese Momente sind es, die uns in unserem „ich habe keine Zeit“  Modus immer mehr abhandenkommen.  Doch sie sind wesentlich für ein gutes und sinnhaftes Leben. 

Das Lesen über die „Zeit“ hat mich sehr nachdenklich gemacht und ich bin gespannt wo es mich noch hinführt! Den Anfang mache ich, in dem ich "noch schnell" und "noch kurz" aus meinem Wortschatz streiche - probieren Sie es auch aus! 

Und um Karlheinz Geißler zu zitieren:

 "Doch Vorsicht, das Nachdenken über die Zeit kann das Leben verändern! Wie der Artist auf dem Drahtseil abzustürzen droht, wenn er in luftiger Höhe über sein Kunststück ins Grübeln kommt, so droht auch denjenigen der Fall in die schwindenden Tiefen, die bei ihren Balanceakten durch Zeitliche irgendwann einmal darüber nachzudenken beginnen, was das eigentlich ist, durch das sie sich da Tag für Tag jonglieren und balancierend bewegen.“ (Geißler 2014, S.12).

In der Zwischenzeit, empfehle ich Ihnen gerne die folgenden Hör-Sehbeiträge, auf die ich mich im Text beziehe.

 

Quellenangaben:

Beschleunigung & Entfremdung mit Hartmut Rosa (2013) [Radiobeitrag] Radio F.R.E.I., Interviewer: Carsten Rose Sendezeit 23.11.2013, 39:15 Minuten, online abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=s-sYlxcN2Rs,  06.03.2019

 

PRECHT, Richard David Precht im Gespräch mit Prof. Dr. Hartmut Rosa [Fernsehsendung] ZDF 14.06.2015 (43:17); online unter https://www.youtube.com/watch?v=pLDA6W_V8lQ, 06.03.2019

 

Anja Dilk/Heike Littger (2018): Zeit als Machtinstrument Enorm Ressort Gesellschaft 06.03.2019 – 15:08 Uhr; online unter https://enorm-magazin.de/zeit-als-machtinstrument Zugriff am 06.03.2019

 

Geißler, Karlheinz A.: Alles hat seine Zeit, nur ich habe keine. Wege in eine neue Zeitkultur. Oekom München, 2014

Claudia Höhberger

systemische Beraterin

Teamberatung I Workshops I Coaching

Mobil: 0176 56 91 54 05

E-Mail: mail(at)c-hoehberger.de


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